Als der CDU-Umweltminister Norbert Röttgen den Koalitionsvertrag wörtlich nahm und das Wort “Brückentechnologie” mit dem zugehörigen Wort Atomkraft in einem Sinnzusammenhang verwendete war das Wehklagen groß und des Kopfschüttelns kein Ende: Anscheinend verbindet die Mehrheit der Koalitionsanhänger mit diesem Wort eher eine hübsche Umschreibung für “alles bleibt wie es ist”. Nicht von ungefähr hat bekanntlich die Konserve, die Brückentechnologie des Konservierens vor dem Zeitalter des Kühlschrankes, den gleichen Wortstamm wie konservativ (lat.: conservativus – wie wir schon ahnten).
Eine Woche währte das Rumoren, dann übernahm Guido Westerwelle mit der gelungen Provokation zur spätrömischen Dekadenz wieder die Medienmeinungsführerschaft. Clever.
Wer weiß, wie das hübsche Wort der Brückentechnologie in den Koalitionsvertrag gelang. Ob einer der Referenten als heimlicher Grünen-Anhänger das Wort hinein schmuggelte, ob es sich um einen Fehler der Word-Rechtschreibhilfe handelte (“Krückentechnologie nicht im Wörterbuch”) oder ob es tatsächlich so gemeint war – es ist auf jeden Fall ein geniales Wort. Es ist auf fast unverschämte Weise interpretierbar, dehnbar, ein Nicht-Wort sozusagen.
Je nach eigenem Standpunkt zur Frage der Atomkraft hat jeder seine spezielle Brücke im Kopf: Der Atomkraftgegner denkt vielleicht an eine kleine, schnell gebaute Holzbrücke im lauschigen Rippachtal, nichts für die Ewigkeit, Hauptsache man kommt schnell rüber.
Der Technikfreak denkt hingegen an die Öresundbrücke, vierspurig für 10.000 Fahrzeuge pro Tag konzipiert, eine Augenweide aus der Windschutzscheibenperspektive, Bauzeit sieben Jahre, wer im Internet nach den Baukosten sucht findet alles zwischen einer und vier Milliarden Euro, hier ist eben der Weg das Ziel.
Aber auch der Atomkraftgegner hat sofort seine Brücke vor Augen: Enden Seebrücken doch gewöhnlich mitten im Wasser und erfreuen sich trotz dieser Sackgassenideologie großer Beliebtheit gerade bei der als konservativ geltenden älteren Bevölkerung, sozusagen der Hauptzielgruppe des Koalitionsvertrages. Das rettende Ufer ist näher, wenn man es gar nicht erst verläßt.
Oder aber – welch’ böser Gedanke! – ist ohnehin eher die Schiffsbrücke gemeint, die Kommandozentrale des trögen Regierungstankers, die Dank social engineering aufgepimpt wurde zur Zukunftswerkstatt einer neu-liberal-sozial-christlichen Führungselite? Pech freilich, wenn die Tarnung misslingt und dann halt doch nur die spätrömische Dekadenzflagge gehisst wird. Duktus hin oder her.
Zurück zur Brücke und dem zweiten Hauptwort - Technologie: Ist die “Brücke” selbst schon eine Ingenieursleistung per Definition, so darf die Brückentechnologie guten Gewissens eine um Haaresbreite verfehlte und darum auch nur beinahe tautologische Wortschöpfung sui generis des homo faber genannt werden, die – jetzt noch in den Sinnzusammenhang mit Kernenergie gebracht – sozusagen auf diesen abstrahlt und veredelt, die Atomenergie glitzern läßt in einer zeitlosen Reihe menschlicher Genialität von der altrömischen Brückenbaukunst (Guido???) bis hin zu Marsbesiedelungen und kühnen Streifzügen durch die Gefilde einer Asse II (oder wo auch immer sich die Überreste dieser Technologie dann irgendwann befinden werden).
Vermutlich haben sich die zuständigen Referenten des Koalitionsvertrages bei der Erfindung des Wortes vor Juchzen auf die Schenkel geschlagen – stilistisch so brillant und doch unkonkret genug kann man die geplante Laufzeitverlängerung nicht besser formulieren.
Schade freilich, dass Herr Röttgen die Sache wörtlich nahm.




