Category Archives: Allgemein

mdr: Gebühren-Journalismus als Volksverdummung

Vorgestern im Radio, die Kurznachrichten bei mdr-info:

“Außenminister Guido Westerwelle traf heute im Kosovo ein” [erster Satz]
“Er sprach sich dafür aus, ethnische Konflikte künftig mit friedlichen Mitteln zu lösen” [zweiter Satz und Ende]

DAS ist Journalismus pur: Eingedampft auf das Wesentliche, ja den Nukleus jornalistischer Profiarbeit! Die 6-W-Regel: Wer hat? Was getan? Wann? Wo? Wie? Warum?
Das ist die überzeugende Rechtfertigung für die Ausgabe von Milliarden an zwangseingezogenen “Gebühren”, ja ein Vorbild an demokratischer Gesinnung, was vor allem Richtung schmutzig-peinlichem Unterschichtenradio eine klare Ansage macht: IHR KAUFT UNS DEN SCHNEID NICHT AB!

Ja gut, bei den anderen Faktoren schneidet die Nachricht nicht so hervorragend ab (Human Interest, räuml. Nähe, Aktualität, Prominente Personen, Konflikt, Dramatik, Fortschritt, Kuriosität, Sex und Folgenschwere). An diese Messlatte angelegt muss man sich fragen, warum hier wertvolle Sendeminuten verschwendet, statt z.B. für volkspädagogisch sinnvolle Volksmusik  eingesetzt werden.

Na ja, ehrlich gesagt, viel gab der Besuch von Guido ohnehin nicht her, er war ja gerade einmal angekommen. Und gut, die Formulierung ist jetzt auch nicht so aufregend, er kann sich ja schwerlich für eine Konfliktlösung mit kriegerischen Mitteln aussprechen. Und ja, dieser Satz von der friedlichen Lösung ist ein Standardsatz bei Balkannachrichten, der wird vom Textprogramm quasi automatisch angeboten, und wenn halt nichts anderes zu sagen ist muss die Zeile ja irgendwie gefüllt werden. Ja Gott – er hat halt nichts anderes gesagt! Das ist doch nicht die Schuld des mdr, wenn der deutsche Außenminister neuerdings überall die Standardsituation sucht! Wir haben halt keinen anderen Außenminister und sind froh, IRGEND ETWAS Positives über unsere geliebte Regierung berichten zu dürfen (schließlich hat die nicht unwesentlich Einfluss auf unsere Gebühren).
Na und zum Glück kommen hier alle 15 Minuten Nachrichten. Irgendwann geht eben jede Peinlichkeit vorüber.

Brückentechnologie: Woher und Wohin?

Als der CDU-Umweltminister Norbert Röttgen den Koalitionsvertrag wörtlich nahm und das Wort “Brückentechnologie” mit dem zugehörigen Wort Atomkraft in einem Sinnzusammenhang verwendete war das Wehklagen groß und des Kopfschüttelns kein Ende: Anscheinend verbindet die Mehrheit der Koalitionsanhänger mit diesem Wort eher eine hübsche Umschreibung für “alles bleibt wie es ist”. Nicht von ungefähr hat bekanntlich die Konserve, die Brückentechnologie des Konservierens vor dem Zeitalter des Kühlschrankes, den gleichen Wortstamm wie konservativ (lat.: conservativus – wie wir schon ahnten).
Eine Woche währte das Rumoren, dann übernahm Guido Westerwelle mit der gelungen Provokation zur spätrömischen Dekadenz wieder die Medienmeinungsführerschaft. Clever.

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Brückentechnologie: Woher und Wohin? (Foto: joiseyshowaa)

Wer weiß, wie das hübsche Wort der Brückentechnologie in den Koalitionsvertrag gelang. Ob einer der Referenten als heimlicher Grünen-Anhänger das Wort hinein schmuggelte, ob es sich um einen Fehler der Word-Rechtschreibhilfe handelte (“Krückentechnologie nicht im Wörterbuch”) oder ob es tatsächlich so gemeint war – es ist auf jeden Fall ein geniales Wort. Es ist auf fast unverschämte Weise interpretierbar, dehnbar, ein Nicht-Wort sozusagen.
Je nach eigenem Standpunkt zur Frage der Atomkraft hat jeder seine spezielle Brücke im Kopf: Der Atomkraftgegner denkt vielleicht an eine kleine, schnell gebaute Holzbrücke im lauschigen Rippachtal, nichts für die Ewigkeit, Hauptsache man kommt schnell rüber.
Der Technikfreak denkt hingegen an die Öresundbrücke, vierspurig für 10.000 Fahrzeuge pro Tag konzipiert, eine Augenweide aus der Windschutzscheibenperspektive, Bauzeit sieben Jahre, wer im Internet nach den Baukosten sucht findet alles zwischen einer und vier Milliarden Euro, hier ist eben der Weg das Ziel.

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Die Seebrücke - Ausdruck einer konservativen Sackgassenideologie? (Foto: snuesch86)

Aber auch der Atomkraftgegner hat sofort seine Brücke vor Augen: Enden Seebrücken doch gewöhnlich mitten im Wasser und erfreuen sich trotz dieser Sackgassenideologie großer Beliebtheit gerade bei der als konservativ geltenden älteren Bevölkerung, sozusagen der Hauptzielgruppe des Koalitionsvertrages. Das rettende Ufer ist näher, wenn man es gar nicht erst verläßt.

Oder aber – welch’ böser Gedanke! – ist ohnehin eher die Schiffsbrücke gemeint, die Kommandozentrale des trögen Regierungstankers, die Dank social engineering aufgepimpt wurde zur Zukunftswerkstatt einer neu-liberal-sozial-christlichen Führungselite? Pech freilich, wenn die Tarnung misslingt und dann halt doch nur die spätrömische Dekadenzflagge gehisst wird. Duktus hin oder her.

Zurück zur Brücke und dem zweiten Hauptwort - Technologie: Ist die “Brücke” selbst schon eine Ingenieursleistung per Definition, so darf die Brückentechnologie guten Gewissens eine um Haaresbreite verfehlte und darum auch nur beinahe tautologische Wortschöpfung sui generis des homo faber genannt werden, die – jetzt noch in den Sinnzusammenhang mit Kernenergie gebracht – sozusagen auf diesen abstrahlt und veredelt, die Atomenergie glitzern läßt in einer zeitlosen Reihe menschlicher Genialität von der altrömischen Brückenbaukunst (Guido???) bis hin zu Marsbesiedelungen und kühnen Streifzügen durch die Gefilde einer Asse II (oder wo auch immer sich die Überreste dieser Technologie dann irgendwann befinden werden).

Vermutlich haben sich die zuständigen Referenten des Koalitionsvertrages bei der Erfindung des Wortes vor Juchzen auf die Schenkel geschlagen – stilistisch so brillant und doch unkonkret genug kann man die geplante Laufzeitverlängerung nicht besser formulieren.
Schade freilich, dass Herr Röttgen die Sache wörtlich nahm.

Neue Studentenausweise an der Humboldt-Universität (gold card hu200)

Stino-Card

Entwurf der neuen Studierendenkarte für Normalstudierende mit Lecker-Essenfunktion

Schon seit längerem droht auch der Humboldt-Universität zu Berlin der Status einer EXZELLENTEN Universität. Der RCDS der HU hat daher schon im Dezember 2009 (!)  die Einführung eines elektronischen “Studentinnenausweises im Scheckkartenformat” gefordert, mit der man nicht nur essen, sondern auch Bus fahren und andere tolle Sachen machen kann.
Zwar hätte man von einer künftig EXZELLENTEN Universität so etwas schon viel eher erwarten können, aber dafür machen es die Berliner nun richtig: Neben einer normalen Studierenden Card mit der üblichen Essensfunktion soll für zahlende Studierende auch das ein oder andere Extra verfügbar sein.

gold card hu200

Die gold card hu200 mit vielen nützlichen Extras

Die gold card hu200 wird von den Befürwortern als sinnvoller Ausweg zur Eigenfinanzierung ohne Studiengebühren gesehen, ist doch die Inanspruchnahme vollkommen freiwillig. Auch sind die Extras einzeln oder als Bundle buchbar, allerdings standen die jeweiligen Preise zu Redaktionsschluss noch nicht endgültig fest.

CALL A BOOK ist als Basisdienst gedacht und ermöglicht es den Studierenden, per SMS beliebig viele Bücher in die Eigentumswohnung am Prenzlauer Berg zu ordern. Der Bringdienst der Hauptbibliothek hat selbstverständlich 24 Stunden geöffnet und garantiert Servicezeiten von maximal 45 Minuten, bei Zahlung eines optionalen Expresszuschlags auch darunter. Organisiert wird dieser Service von mittelosen Normalstudierenden, die auf diese Weise Anrechtspunkte für eine eigene gold card erarbeiten können.

Das Extra PERSÖNLICHER TUTOR erklärt sich selbst: Zur gesamten Laufzeit steht den Studierenden in einem Fach ihrer Wahl ein erfahrender Tutor (Abschluss: Promotion oder höher) mit Rat und Tat zur Seite. Ein 24-Stunden-Call&Come-Service ist hier ebenso selbstverständlich wie das kurzfristige Überarbeiten umfangreicher Hausarbeiten oder Referate.

Der LIMO-SERVICE hingegen dürfte wohl nur etwas für GaststudentInnen aus München oder Hamburg sein. Er wirkt insgesamt doch etwas peinlich, zumal die Fahrer die strikte Anweisung haben, ihre Fahrgäste bis direkt vor den Hörsaaleingang zu chauffieren. Attraktivität gewinnt dieses Angebot jedoch dadurch, dass mit jeder Fahrt  automatisch drei nebeneinanderliegende Sitzplätze in der ersten Reihe eines Hörsaales reserviert werden.

Der exklusive PROFESSOREN-CALL ist nur als Bundle mit dem PERSÖNLICHEN TUTOR wählbar: Zwar darf man seine Professoren jederzeit anrufen und nach Hause bitten, doch muss man damit rechnen, dass an Stelle des Professors dann doch nur der Tutor kommt. An diesem Service könnte noch gearbeitet werden, daher wird es hierbei noch längere Zeit Rabatte geben.

Das Extra FREIE PRÜFUNGSWAHL gehört ebenfalls zu den Basisfunktionen. Über ein Onlinebuchungssystem können sich Studierende mit ihrer gold-card-hu200 – ID problemlos einen Prüfungstermin ihrer Wahl sichern, wobei gold-card-InhaberInnen prinzipiell über einen Freiversuch zusätzlich verfügen. Die FREIE PRÜFUNGSWAHL FLAT mit beliebig vielen Freiversuchen wurde leider aus organisatorischen Gründen nicht umgesetzt.

In heftiger Diskussion befindet sich noch der BEGLEITSERVICE für gold-card-hu200-InhaberInnen, da mit Einführung dieses Extras Proteste bei den Normalstudierenden erwartet werden: Weil in Ermangelung genügend Freiwilliger die Studienordnung für Nichtzahlende (Stino-Studordng.pdf) auch verpflichtende Einsätze für diesen Service vorsieht, könnte es hierbei zu blamablen Szenen kommen, die auch durch Inaussichtstellung einer eigenen gold-card (Basisdienste) kaum zu verhindern wären.  Ungeachtet dessen wird sich dieses Extra sicherlich zu einem der beliebtesten entwickeln.

Insgesamt hat hier die EXZELLENZ-HU ein hübsches Paket geschnürt, das in seiner Einfachheit besticht. Es könnte zudem Signalwirkung haben für andere EXZELLENZ-UNIS, die sich mit solchen Angeboten effizient und wirkungsvoll vom schäbigen Rest der Republik weiter distanzieren können: Nach uns die Sintflut der schnöden Lehre! Vorwärts zur liberalen Bildungsoffensive! Auf dass es EXZELLENZ werde!

Klimawandel? Jetzt was tun und helfen!

Klimawandel? Ich mach mit!

Zum Ausschneiden

Die Polkappen schmelzen, Eisbären ertrinken und Berlin wird in naher Zukunft Hafenstadt – was für Perspektiven, gerade für die Immobilienindustrie! Der Klimawandel rollt unerbittlich mit dem Charme eines M1-Panzers Richtung Hinterland, Zeit dass auch wir mitmachen.
Und so geht’s: Einfach den obenstehenden Button ausdrucken, ausschneiden und z.B. hinten auf seinen Touareg pappen! Oder auf den Q5 oder gar Q7 (als Zeichen für besonders hohes Engagement!). Sehr schön macht sich der Aufkleber auch auf dem Fluggepäck, der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.
Helfen kann so einfach sein!

Verschwörungstheorien 9/11

9/11

9/11

Die wohl bislang beste Seite zum Thema 9/11 und Verschwörungstheorien ist nun umgezogen auf http://mosaik911.de.
Nachdem selbst das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen (Aktenzeichen 9/11, WDR 2003) die Version einer in das Gebäude hineingeflogenen Boeing 757 ernsthaft anzweifelte (also mit Hilfe von öffentlichen Gebühren die Verbreitung von Thesen der Verschwörungstheorien unterstützte) und ein ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter mit diesen und ähnlichen Behauptungen sogar Geld verdient (Andreas von Bülow), haben es gegenteilige Behauptungen manchmal schwer.
Es gibt Parties in Berlin (ehrlich!), da wird man bei Zweifel an der offenkundigen Regierungsverschwörung (Militärisch-Industrieller-Komplex, Öl, Gas, CIA und so weiter und außerdem waren die ja auch nie auf dem Mond) entgeistert angestarrt. Nachdem die Kinnlade wieder oben ist schauen sich die Wissenden leise lächelnd an und wechseln diskret das Thema. Zwischendurch gehen ganze Herrscharen an Engeln durch den Raum.
Für alle Irregeleiteten jedenfalls ein must.

Das Ende des Internet

Immer wieder gern gesehen, wenn auch leicht übersehen: Ja, es gibt das Ende des Universums auch außerhalb von Buchdeckeln!

Glaubst Du nicht? Guckst Du hier!

Reise zum Ende des Universums

Reise zum Ende des Universums

Stringtheorie am Rande des Aberglaubens

In seinem Buch “The Cosmic Lanscape” erklärt der amerikanische Physikprofessor (Stanford) Leonard Susskind, dass die Stringtheorie mit ihren unendlich vielen Lösungen auf real existierende Universen zutreffen könnte. Es gäbe also neben unserem bekannten Universium noch unzählige andere mit jeweils anderen Naturgesetzen. Das eigentlich Überraschende jedoch ist, dass man diese Behauptung niemals praktisch überprüfen könne.
Da stellt sich tatsächlich die Frage, ob Physik dann noch als Naturwissenschaft bezeichnet werden kann, oder, wie Max Rauner in seinem Artikel schreibt: “Es geht um explodierende, schrumpfende, und aufeinander prallende Welten – und um die Frage, ob die Physiker noch alle Tassen im Schrank haben”. Autsch.
Susskind errechnete, dass die Stringhteorie rund 10 hoch 500 Lösungen habe. Wenn aber keine einzige praktisch überprüfbar ist, rückt die Physik gefährlich nahe an religiöse Auffassungen – oder (was die Soziologen schon immer ahnten) an die empirischen Wissenschaften. Dort gilt seit Popper bislang der Grundsatz, dass a) jede Theorie falsifizierbar sein muss und b) jede Theorie so lange als “richtig” gilt, wie sie nicht wiederlegt wurde.

Was also, wenn man die Lösungen der Stringtheorie nicht einzeln wiederlegen kann, da sie ja gar nicht falsifizierbar sind? Schwierig.

(Quelle: Die Zeit 5/2006, S. 33: Aus!)

Die Feinstaubverschwörung

Kamin

Klimakatastrophe Kamin (Foto: raphWeng)

Das Umweltbundesamt veröffentlichte schon 2006 Ungeheueres: Die in Deutschland ganz legal betriebenen und mit keiner einzigen “Abgasnorm” erfaßten Holzverbrennungsöfen und privaten Kamine produzieren pro Jahr 24000 Tonnen Feinstaub – gegenüber 22700 Tonnen durch den gesamten Verkehr! Und während sich die Atomobilproduzenten für ihre tuckernden TDI-Dieselstinker schnellstens Rußpartikelfilter zulegten, die Bundesregierung gar eine Subventionierung verabschiedete, wird angesichts steigender Rohöl- und Gaspreise still und heimlich der Kamin-Markt zur sagenumwobenen Wachstumsbranche. Genau 3500 mal soviel wie bei Gas wird bei gleicher Energieleistung durch ein Holzfeuer in die Luft geschleudert.
Aber es kommt noch schlimmer: Ein einziges abendliches “Brutzeln” der Steaks auf dem Holzkohlenfeuer produziert soviel Feinstaub wie eine Gasheizung nicht im ganzen Jahr!
Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gegangen, zwischendurch explodierte mal der Ölpreis und Kaminfeuer wurde neben der Heimeligkeit auch noch preislich attraktiv. Wie sehen wohl die aktuellen Zahlen aus?
Leider liegt das Ergebnis dermaßen deutlich auf der Hand, dass ich glatt zu faul bin, nachzusehen.

(Quelle: Die Zeit 19/2006, S. 41-42: Das Ende der Gemütlichkeit, Foto: raphWeng CC BY-SA 2.0)