Kaum kommt der FDP-Vorsitzende nach einer anstrengenden Südamerika-Reise und deprimierenden Umfrageergebnissen wenigstens etwas zur Ruhe und mimt nun kurz vor den NRW-Wahlen (vermutlich auf Anraten einer hyperventilierenden PR-Beraterin) den nachdenklichen Außenpolitiker, schon übernimmt der nächste FDP-Barde das medientaktische Ruder: Wolfang Kubicki, nach Angaben der ZEIT (Nr. 12, S. 17) “Heckenschütze, Strippenzieher, Machtmensch” in einer Person, erklärt öffentlich den einfachen Menschen und Journalisten (was nicht das Gleiche ist) die Berliner Lage. Warum er immer noch in Schleswig-Holstein herumhängt und noch nicht in Berlin sei? “Ich würde in Berlin zumTrinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock“, erläutert er erschrocken um sich blickenden ZEIT-Lesern, aber das war nur die Einleitung. Schon plaudert Wolfgang Kubicki aus dem Nähkästchen: “Das politische Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Apartement auf Sie, sonst niemand. Es gibt einen enormen Frauenüberschuss, denn wenn Sie den gesamten Politikbetrieb nehmen, kommen Sie auf schätzungsweise 100 000 Leute, in Parlament, Regierung, Verwaltung, Botschaften, Verbänden und Medien, davon 60 Prozent Frauen. Ich weiß doch, wie das läuft: Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter. Dazu der Alkohol: Sie könnten, weil Sie ständig in Terminen sind, den ganzen Tag trinken. Eine Flasche Wein ist da gar nichts, leicht zu verteilen auf fünf.”
Berliner Demokratie: Reden wir doch mal wieder über die menschlichen Seiten liberaler Selbstaufopferung (Foto: gholzer CC)
WOW!
So läuft das also in Berlin. So funktioniert die parlamentarische Demokatie zwischen Verteidigung derselben auf den Höhen des Hindukusch und dritter Lesung der 34. Novelle des Gesetzes zur Neuordnung des Raumwesens im Bereich zwangsrückzuführender Behälter schwach radioaktiven Abfalls aus grundwasserverseuchten Kleinstlagerstätten (Sitzungsgeld nur bei Anwesenheit).
Ruhig Blut, mag sich da der geneigte und frisch habilitierte ZEIT-Leser in seinem Lorenzo-Wellness-Stuhl gedacht haben, das zählt sicher unter Professionalisierung von Politik (Luhmann!), das haben wir doch mal gelernt, Strukturbildung halt, non-intended outputs einer zu konzentriert an einem Ort gehaltenen Spezies mit raubtierhaft-charismatischem Verhalten (Weber!), Verluste inklusive. Kein Grund zur Aufregung, hinzunehmende Collateralschäden eines gut geschmierten und daher einfach zu gut funktionierenden Politikbetriebes. So what?

Wir saufen uns zu Tode für Euch: Mini-Bar gestresster FDP-Politiker? (Foto: Edwin Land, CC)
Schauen wir auf das Timing: Der große Vorsitzende ist in größten Nöten, die FDP hat ein all zu offen liegendes Glaubwürdigkeitsproblem und überhaupt läuft es in Berlin gerade ausgesprochen schlecht. Auf einen Satz gebracht: Die Lage kurz vor den Wahlen in NRW ist schlicht und ergreifend katastrophal. Was liegt näher, als einen alten SMS-Kumpel in die Bresche zu schieben, der zudem die ganze Berliner Parlaments-Chose in ein augenzwinkerndes Licht rückt? Der die Koalition quasi als Opfer der eigenen professionellen Autopoiesis (was schert uns Redundanz) des Politischen Systems erklärt und den Geist als bekanntlich willig, aber das Fleisch als (wie wir schon ahnten) schwach vorfindet? Wer werfe hier den ersten Stein? Haben nicht alle männlichen Parlamentarier diese herzzereißenden Probleme (von den weiblichen, die ja – wie wir nun wissen – in Berlin die Mehrheit bilden, gar nicht zu reden)? Hurenböcke und Alkoholleichen, wohin das Auge blickt? Und – mal Hand aufs Herz – ist es nicht viel schöner, über die menschlichen Seiten getresster Alpha-Tierchen zu reden als ständig über zweifelhafte Steuergeschenke, Kopfpauschalen und einen FDP-Wirtschaftsminister, dessen Ministerum man vermutlich abschaffen könnte, ohne dass es irgend jemandem im Lande auffallen würde?
Die ironische Pointe des ZEIT-Interview ensteht aber erst dadurch, dass in der gleichen Ausgabe der Kolumnist Harald Martenstein den heutigen Niedergang des politischen Kabaretts behauptet: “Es war [früher - d.A.] bestimmt eine heiße Sache, wenn im Kabarett auf Willy Brandts Frauen- oder Straußens Alkoholkonsum angespielt wurde, weil das für die Presse Tabuthemen waren. Inzwischen steht dieser Kram doch längst in der Zeitung. (…) Es gibt keine Fallhöhe mehr, von der ein Kabarettist profitieren könnte. Bunte killed the Kabarett-Star.”
Oh nein, Herr Martenstein, es ist viel schlimmer. Nicht die Bunte ersetzt das Kabarett, es ist bereits die ZEIT selbst in netter Vertrautheit mit einer verzweifelten FDP, die in schonungsloser Enthüllungspraktik die Hosen der Politiker unten belässt.
Nur dass dieser Anblick keinen einzigen Lacher mehr hervorruft. Schade eigentlich.
Fotos: Edwin Land und gholzer CC BY-NC-SA 2.0
Kaum kommt der FDP-Vorsitzende nach einer anstrengenden Südamerika-Reise und deprimierenden Umfrageergebnissen wenigstens etwas zur Ruhe und mimt nun kurz vor den NRW-Wahlen (vermutlich
auf Anraten einer hyperventilierenden PR-Beraterin) den nachdenklichen Außenpolitiker, schon übernimmt der nächste FDP-Barde das medientaktische Ruder: Wolfang Kubicki, nach Angaben der
ZEIT (Nr. 12, S. 17) “Heckenschütze, Strippenzieher, Machtmensch” in einer Person, erklärt öffentlich den einfachen Menschen und Journalisten (was nicht das Gleiche ist) die Berliner
Lage. Warum er immer noch in Schleswig-Holstein herumhängt und noch nicht in Berlin sei? “Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock”, erläutert er erschrocken
um sich blickenden ZEIT-Lesern, aber das war nur die Einleitung. Schon plaudert Wolfgang Kubicki aus dem Nähkästchen: “Das politische Leben in Berlin sieht doch so aus: Sie sind den
ganzen Tag unter Druck, abends wartet Ihr Apartement auf Sie, sonst niemand. Es gibt einen enormen Frauenüberschuss, denn wenn Sie den gesamten Politikbetrieb nehmen, kommen Sie auf
schätzungsweise 100 000 Leute, in Parlament, Regierung, Verwaltung, Botschaften, Verbänden und Medien, davon 60 Prozent Frauen. Ich weiß doch, wie das läuft: Da sind dann diese Abende,
an denen Sie nur abschalten wollen,Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter. Dazu
der Alkohol: Sie könnten, weil Sie ständig in Terminen sind, den ganzen Tag trinken. Eine Flasche Wein ist da gar nichts, leicht zu verteilen auf fünf.”
WOW.
So läuft das also in Berlin. So funktioniert die parlamentarische Demokatie zwischen Verteidigung derselben auf den Höhen des Hindukusch und dritter Lesung der 34. Novelle des Gesetzes
zur Neuordnung des Raumwesens im Bereich zwangsrückzuführender Behälter schwach radioaktiven Abfalls aus grundwasserverseuchten Kleinstlagerstätten (Sitzungsgeld nur bei Anwesenheit).
Ruhig Blut, mag sich da der geneigte und frisch habilitierte ZEIT-Leser in seinem Lorenzo-Wellness-Stuhl gedacht haben, das zählt sicher unter Professionalisierung von Politik, das haben
wir doch mal gelernt, Strukturbildung halt, non-intended outputs einer zu konzentriert an einem Ort gehaltenen Spezies mit raubtierhaft-charismatischem Verhalten (Weber!), Verluste
inklusive. Kein Grund zur Aufregung, hinzunehmende Collateralschäden eines gut geschmierten und daher einfach zu gut funktionierenden Politikbetriebes. So what?
Schauen wir auf das Timing: Der große Vorsitzende ist in größten Nöten, die FDP hat ein all zu offen liegendes Glaubwürdigkeitsproblem und überhaupt läuft es in Berlin gerade
ausgesprochen schlecht. Auf einen Satz gebracht: Die Lage kurz vor den Wahlen in NRW ist schlicht und ergreifend katastrophal. Was liegt näher, als einen alten SMS-Kumpel in die Bresche
zu schieben, der zudem die ganze Berliner Parlaments-Chose in ein augenzwinkerndes Licht rückt? Der die Koalition quasi als Opfer der eigenen professionellen Autopoiesis (was schert uns
Redundanz) des Politischen Systems erklärt und den Geist als bekanntlich willig, aber das Fleisch als (wie wir schon ahnten) schwach vorfindet? Wer werfe hier den ersten Stein? Haben
nicht alle männlichen Parlamentarier diese herzzereißenden Probleme (von den weiblichen, die ja – wie wir nun wissen – in Berlin die Mehrheit bilden, gar nicht zu reden)? Hurenböcke und
Alkoholleichen, wohin das Auge blickt? Und – mal Hand aufs Herz – ist es nicht viel schöner, über die menschlichen Seiten getresster Alpha-Tierchen zu reden als ständig über zweifelhafte
Steuergeschenke, Kopfpauschalen und einen FDP-Wirtschaftsminister, dessen Ministerum man vermutlich abschaffen könnte, ohne dass es irgend jemandem im Lande auffallen würde?
Die ironische Pointe des ZEIT-Interview ensteht aber erst dadurch, dass in der gleichen Ausgabe der Kolumnist Harald Martenstein den heutigen Niedergang des politischen Kabaretts
behauptet: “Es war (früher – M.G.) bestimmt eine heiße Sache, wenn im Kabarett auf Willy Brandts Frauen- oder Straußens Alkoholkonsum angespielt wurde, weil das für die Presse Tabuthemen
waren. Inzwischen steht dieser Kram doch längst in der Zeitung. (…) Es gibt keine Fallhöhe mehr, von der ein Kabarettist profitieren könnte. Bunte killed the Kabarett-Star.”
Oh nein, Herr Martenstein, es ist viel schlimmer. Nicht die Bunte ersetzt das Kabarett, es ist bereits die ZEIT selbst in netter Zweisamkeit mit einer verzweifelten FDP, die in schonungsloser Enthüllungspraktik die Hosen der Politiker unten belässt.
Nur dass dieser Anblick keinen einzigen Lacher mehr hervorruft.